Variante der Tupolev Tu-95

Tupolev Tu-95M-55

Eine als fliegendes Labor umgebaute Tu-95M zur Entwicklung des Marschflugkörpers Kh-55 und des Waffensystems der künftigen Tu-95MS. Erstflug am 31. Juli 1978, Verlust bei einem Startunfall am 28. Januar 1982.

Eintrag zur Tupolev Tu-95

Bild folgt
31. Juli 1978
Erstflug

Geschichte

Die Tu-95M-55 war weder eine Serienausführung noch eine Kampfversion, sondern ein einzelnes Flugzeug: die Tu-95M mit der Werknummer 8800601, umgebaut zum fliegenden Labor zur Entwicklung des Waffensystems, das später von der Tu-95MS getragen werden sollte. Ihre Geschichte ist die einer einzigen Zelle mit drei Leben. Sie entstand als eine von 18 neu gebauten Tu-95M, die 1957 und 1958 ausgeliefert wurden, der Serienversion mit NK-12M-Triebwerken. Mitte der 1970er Jahre wurde sie zur Tu-95M-5, einem Erprobungsträger für die Rakete KSR-5 (das Waffensystem K-95-26); Flugzeug und Bewaffnung wurden erprobt, doch die Umrüstung der Flotte kam nicht weiter voran, da die verbleibende Nutzungsdauer der Zellen von Tu-95 und Tu-95M begrenzt war. Diese einzelne Maschine wurde daraufhin zur Tu-95M-55 umgerüstet.

Der Grund war die Kh-55. Die Entwicklung dieses Langstrecken-Marschflugkörpers begann Mitte der 1970er Jahre, ursprünglich für den neuen Überschallbomber Tu-160, wobei auch Studien zu ihrem Einsatz auf der Tu-95 durchgeführt wurden. Im Juli 1977 erhielt das Moskauer Maschinenbauwerk „Opyt“ – so hieß seit Mitte der sechziger Jahre das OKB-156 von Tupolew mitsamt seinem Versuchswerk Nr. 156 – den Auftrag, die damals in Taganrog in Serie gebaute Tu-142MK zum Marschflugkörperträger Tu-95MS umzubauen. Als Vorstufe, um sowohl die Elemente des neuen Systems als auch die Rakete selbst zu erproben, entstand aus der Tu-95M-5 das fliegende Labor Tu-95M-55.

Der erste Plan sah einen einzelnen Abwurfstarter für eine Kh-55 im Bombenschacht vor. Im Zuge der Arbeiten wurden zwei Optionen untersucht: der Einzelplatz-Starter und der Drehstarter MKU-6-5 mit mehreren Plätzen, der schließlich eingebaut wurde. Der Umbau wurde von der Flugerprobungs- und Entwicklungsbasis Schukowski (ZhLIiDB) zwischen Juli 1977 und Juli 1978 durchgeführt. Die gesamte Bewaffnung des Systems K-95-26 wurde ausgebaut, ebenso die Anlage zur elektronischen Gegenmaßnahmen – einschließlich des Heckabschnitts, der sie beherbergte – sowie ein Teil der Spezialausrüstung. Anstelle des Rumpftanks Nr. 2 wurden das Doppler-Navigationsradar DISS-7 und die Ausrüstung MIS-45 eingebaut; der Bombenschacht wurde für die Aufnahme des MKU-6-5 umgestaltet, und die Ausrüstung APP-95 „Dub“ zur Vorbereitung und zum Start der Rakete kam hinzu. Die elektrische Versorgung und die Klimaanlage wurden an die neue Last angepasst, Aufzeichnungsgeräte für die Betriebsparameter des Systems wurden eingebaut, und neben dem Drehstarter konnte das Flugzeug einen Balkenträger für eine weitere Rakete mitführen.

Die Tu-95M-55 flog erstmals am 31. Juli 1978. Bis Anfang 1982 hatte sie 107 Flüge mit insgesamt 656 Stunden absolviert, bei denen Masse-und-Größe-Attrappen der Rakete abgeworfen und Prototypen der Kh-55 gestartet wurden. In dieser Phase wurden 10 Raketen gestartet, von denen sieben als erfolgreich gewertet wurden. Nach der Firmengeschichte Tupolews lieferten diese Erprobungen eine Fülle von Daten sowohl für den strategischen Träger Tu-95MS als auch für die Rakete selbst. Der Weg der Umrüstung der alten Tu-95 wurde nach den Tests aufgegeben, und die Anstrengungen flossen in die Tu-95MS, die auf der Zelle der Tu-142 aufbaute und ab 1981 in Serie gebaut wurde.

Am 28. Januar 1982 stürzte die Tu-95M-55 beim Start vom Flugplatz des Flugforschungsinstituts (LII) in Schukowski während eines weiteren Testflugs ab. Alle zehn Besatzungsmitglieder kamen ums Leben, angeführt vom Testpiloten Nikolai Kultschizki. Als Ursachen wurden Vereisung von Tragfläche und Höhenleitwerk beim Rollen genannt, verbunden mit Abweichungen von der empfohlenen Starttechnik für den Typ, bei schlechtem Wetter. In Schukowski wird dieser Besatzung noch heute am Jahrestag des Absturzes gedacht.

Ob der westliche Nachrichtendienst das Programm damals erkannte, ist unklar; jedenfalls erhielt die Variante nie einen eigenen NATO-Codenamen.

Quellen: GlobalSecurity — Tu-95 BEAR Variants